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Treffen mit 
Michael Reburg

Wien, ein milder Nachmittag im Spätwinter. Im Café, in dem Michael Reburg seinen „Stammplatz“ reklamiert – Tisch hinten links, Blick zur Tür, Rücken zur Wand – wird gerade der erste Verlängerte des Tages serviert. Die Kellnerin kennt ihn, sagt nichts. Reburg nickt nur, zündet sich eine Zigarette an (aus Prinzip – sie bleibt meist unbeachtet im Aschenbecher glimmen) und öffnet ein Notizbuch, das aussieht, als hätte es die jugoslawischen Zerfallskriege persönlich miterlebt.

​„Man sagt immer: Ich habe viel erlebt“, beginnt er, „aber meistens meint man damit: Ich war oft betrunken, und die Hälfte hab‘ ich vergessen.“

​​Was sich wie eine tragikomische Anhäufung von Identitäten liest, wird in seinen Texten zum Material einer radikal subjektiven Autobiografie. Zynisch, aber nie zynisch um des Zynismus willen. Wer in seinen Essays ein alterndes Ekelpaket mit Rest Charm erwartet, bekommt einen Mann, der zwischen Alkoholdunst und philosophischer Selbstzergliederung plötzlich Sätze schreibt, die einem die Kehle zuschnüren.

„Es gibt niemanden mehr, der mir widerspricht“, heißt es gleich am Anfang seines jüngsten Werks. „Der Vorteil des Alters ist, dass man die Geschichte neu schreiben darf – solange man es schafft, sie aufzuschreiben, bevor der Gindie Erinnerungen verwischt.“

Das ist Reburg pur: melancholisch, überheblich, verletzlich – und stets auf der Suche nach der Pointe, die niemandem wehtut, außer ihm selbst. Seine Prosa ist hart, aber nicht hohl; sie trägt den Dreck des gelebten Lebens wie ein Abzeichen. „Ich schreibe nichts, was ich nicht selbst gesoffen, geliebt oder verloren hätte“, sagt er.

Frauen spielen eine zentrale Rolle in seinem Leben und Werk – als Projektionsflächen, Seelenspiegel, Gegnerinnen. „Ich war nie besonders gut mit Beziehungen. Dafür exzellent mit Trennungen.“ Ein Satz wie ein Schnitt.

Die literarische Szene begegnet ihm mit einer Mischung aus Faszination und Unbehagen. Man weiß nicht, ob man ihm einen Preis verleihen oder einen Sozialarbeiter schicken soll. Und genau das scheint ihm zu gefallen.

„Ich bin kein Schriftsteller“, sagt er. „Ich bin ein Mann mit Restschuld und Tinte.“ Seine Sätze, so Reburg, sollen keine Antworten geben – sondern Spuren hinterlassen. „Im Idealfall kratzt man sich noch Tage später am Hirn, weil man’s nicht loswird.“

Zum Abschied steht er langsam auf, nestelt am Mantel, der wie ein Kleidungsstück aus einem Roman von Joseph Roth wirkt. Bevor er geht, dreht er sich noch einmal um.

„Wissen Sie“, sagt er, „ich habe mein ganzes Leben über mich selbst gelogen. Jetzt schreibe ich endlich die Wahrheit – und niemand kann mir mehr widersprechen.“

Er lächelt. Kurz. Dann verschwindet er in der Wiener Dämmerung, wie ein Mann, der sich selbst überlebt hat – aber nicht ohne Stil.

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